100. Geburtstag - 03.04.2006



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  Brief an die Großmutter

Stationen meines Lebens

Lupembe (Afrika)

Diesen Abschnitt schildert eindrucksvoll ein Brief von Marion Sehmsdorf an ihre geliebte Großmutter Marie Lemke in Königsberg

 





                                                                                                                              Lupembe den 23.3.36

Liebstes Großmutterle !

 

Es ist schrecklich lange her, dass ich Dir nicht mehr geschrieben habe.

Ich weiß nicht, wie lange. Aber jedenfalls geschah das Schweigen nicht mit Willen, sondern weil man zeitweise selbst zum Briefschreiben zu müde ist, oder aber immer wieder andere Pflichten sich vordrängen.

Es ist ja keine Kleinigkeit , wenn fünf Jahre lang immer wieder der Familienkreis  sich weitet und eine , die vor fünf Jahren noch ganz für sich allein zu sorgen  brauchte , nun noch für fünf andere Menschen Verantwortung trägt :  10 Augen, die an einem hängen , 10 Hände, die nach einem greifen und : „Mutti, Mutti“ von früh bis spät.- Aber ich kann ja nur froh und dankbar sein, so lange ich für so liebe Menschen schaffen und sorgen kann und, wenn alle gesund  bleiben dürfen, will ich über Arbeit nicht klagen .

Unsere Jüngste, zu deren  Geburt du uns so lieb  geschrieben hast, macht uns gottlob keine Sorgen. Sie hat schon tüchtig zugenommen. Mit 4 Wochen wog sie 9 Pfund.

Sie saugt mich freilich tüchtig aus, hoffentlich kann ich es doch noch 4 Monate durch halten.

Ich hatte Pech und bekam gerade als ich zur  Erholung auf eine Pflanzung gegangen war, meine erste Malaria, so dass ich meinen Urlaub unterbrechen und mit Mechthild ins Hospital musste. Es war aber mit einem Tag Fieber und einem Tag Untertemperatur abgetan  und diese

Krankheit hat das Gute, dass man gleich wieder aufstehen kann, sobald das Fieber weg ist.

Es blieb nur das unangenehme Chininschlucken, das – 1 Gramm pro Tag – Ohrensausen  und sonstiges Unbehagen verursacht.

Die beiden Großen (Hans- Georg  und Marie Anne) hatte ich zum ersten Mal zu anderen Leuten gegeben und, während ich im Hospital war – drei Tage lang – musste auch Peter allein auf einer Pflanzung sein. Die beiden Großen gewöhnten sich schnell ein und bangten sich gar nicht, aber Peter fühlte sich ohne die Geschwister recht einsam und es war nur ein Glück, dass er sie alle Tage zum Spielen besuchen konnte.

Georg war indessen auf  S a f a r i, so dass die Familie zeitweise auf vier verschiedene Orte verteilt war. Nun sind wir aber alle glücklich wieder beisammen in unserer eigenen Häuslichkeit.

Von Mechthild ist noch zu sagen, dass sie mir sehr ähnlich sieht und, wenn die Ähnlichkeit so bleibt, wirst Du Deinen Spaß haben, wenn Du sie siehst und in ihr Deine eigenen  Töchter und die Enkeltöchter wieder findest. Der „ Lemke-mädchen- bezug ist  bei ihr am ausgesprochenstens.

Wenn wir einen Jungen bekommen hätten, würde er Eckhardt heißen, denn, es war mein Wunsch, dass in ihm der Name Deines lieben Vaters und Dein Mädchenname wieder aufleben sollten. Außerdem ist Eckhardt ein schöner alter deutscher Name.

E c k h a r d t   P a u l, damit auch Onkel Paul nicht vergessen sei.

Aber, „aufgeschoben ist nicht aufgehoben“  und der Name bleibt für den nächsten Jungen, der freilich nicht nächstes  Jahr kommen soll.

Nächstes  Jahr  wollen wir erst einmal nach Deutschland fahren und ich danke meinem Schöpfer für jeden Tag, der mich dem Wiedersehen mit Dir näher bringt.           

Die Hoffnung ist jetzt sehr groß, liebstes Großmutterle. Bleib mir um Gottes willen gesund bis dahin, nachdem  Du fünf Jahre so gut überstanden hast. Das Wiedersehen mit Dir ist meine größte Freude am  Heimaturlaub.

Nächstes Jahr um diese  Zeit sind wir vielleicht schon im Aufbruch und an Deinem Geburtstag, so Gott will, bei Dir.  Also, halte Dich tapfer bis dahin.

Es wird wohl  Zeit, dass ich den Kindern die „Goldne Abendsonne“ und „Gold und Silber lieb ich sehr...“ beibringe. Sie können sehr viele Lieder, aber meistens Choräle in Bena-Sprache und ich staune nur immer, wie sie die vielen Melodien sicher auseinander halten.

Georg will versuchen ein Bild von Hans Georg unter den schwarzen Kindern zu machen.

Am liebsten spielt er doch mit seinen Geschwistern, denn sie haben mehr Fantasie als solch ein kleiner  Neger.



 

Dabei fällt mir ein: die Malaria habe ich mir aus Kidugala mitgebracht, wo wir im Januar waren.- Wegen Mechthilds   Geburt habe ich die Chininnachkur etwas zu früh abgebrochen und dann kam sie dann raus. Hier, in  Lupembe ist Malaria eine Ausnahmeerscheinung.

Die Kinder haben tapfer ihr Chinin geschluckt und sind auch –gottlob- gesund geblieben.

Daß wir so kurz vor meiner Entbindung und mitten in der Regenzeit noch die Reise nach

Kidugala wagten kam so:

Georg und ich waren im letzten Halbjahr 1935 überfordert worden, vor allem durch die vielen Menschen, die uns immer wieder in persönlichen und amtlichen Angelegenheiten heim suchten .Selbst in den Weihnachtstagen ließ man uns keine Ruhe. Am dritten Weihnachtstag klappte ich einfach zusammen und Georg schickte mich wiederspruchslos ins Bett, obwohl am Nachmittag eine Pflanzerversammlung mit Kaffee und Kuchen im Anschluß an den deutschen Weihnachtsgottesdienst stattfand.

Danach beschlossen wir, uns so schnell wie möglich für einige Zeit aus dem Staube zu machen und verlebten drei sehr erholsame Wochen in Kidugala bei unserem lieben  Heddes.

…die Eltern Heddes haben uns viel Freundlichkeit erwiesen vor allem durch wiederholte Aufnahme, wenn wir erholungsbedürftig waren  und sie sind uns sehr lieb geworden.

Bei unserer Rückfahrt nach Lupembe hatten die starken  Regen schon die Straßen  entsetzlich verdorben. Die Fahrt war eine einzige große Strapaze für uns alle. Georg musste mit den drei Kindern oben zwischen den Lasten sitzen die Zeltplanen wegen des starken  Regens  direkt auf dem Kopf. Schließlich  mussten wir es aufgeben noch nach Lupembe zu kommen und in einem ganz leeren Hause ein improvisiertes Nachtlager aufschlagen.  Beinahe wäre Mechthild dort geboren, denn die Fahrt auf den holprigen Weg  hatte bei mir bereits ganz heftige Wehen ausgelöst. Aber glücklicherweise ging es noch gut und wir schliefen sogar einigermaßen. Die Kinder sogar ausgezeichnet in einem umgekippten Tisch .

Am nächsten Mittag kamen wir gut hier an und Mechthild nahm sich noch 14 Tage länger Zeit.

Am 12.April soll wieder Taufe sein und zwar im deutschen  Ostergottesdienst.

Mit ihr wird ein kleines Jungchen getauft. das wenige  Stunden später im hiesigen Hospital geboren wurde.

Mechthild ist am Todestag der Frau Gertrud Kuhl geboren, die hier vor 2 Jahren unter so tragischen Umständen starb und ein kleines 1jähriges Jungchen als Waise zurück ließ.

Vor einem Jahr hat der Vater wieder geheiratet und zwar die Schwester seiner verstorbenen

Frau – aber die Wunde wird doch bleiben.

Ich kam grade vom Grab, wohin ich einen Kranz und Blumen gebracht hatte, als die Wehen langsam einsetzten.  Kurz vor Mitternacht  wurde sie geboren , nicht in der normalen Lage  und 7 1/2  Pfund schwer , deshalb war die Geburt schwerer als ich beim vierten  erwartet hatte und wie froh war ich , als sie im Körbchen schrie –

Und die Freude der Geschwister hättest Du sehen sollen; der weiße Bezug des Körbchens war im Nu schwarz von den Kinderhändchen. Am drolligsten war Peter: er sah immer das Kind und dann uns an und wollte sich ausschütten vor Lachen.

Wahrscheinlich kam er sich mit seinem beachtlichen Alter sehr erhaben gegenüber solch kleinem Wurm vor.

Hans Georg ist ganz der große Bruder und  Beschützer.

Er kann die Kleine nicht weinen hören. Wenn sie des Nachts im Nebenzimmer  schreit , schluchzt er in sein Kissen  und am Tag quält er mich, ich soll ihr zu trinken geben, dann kommt er dazu und streichelt sie und redet ihr gut zu und ich muss ihm versprechen, dass wir nachts gut auf sie aufpassen werden , damit keine Tiere sie beißen und dass sie später, wenn sie größer ist , bei ihm schlafen darf . So, das sind so die neuesten  Nachrichten von hier.

Ich bekam vom Kolonialfrauenbund eine vollständige Babyausrüstung zu Weihnachten und noch Verschiedenes für die anderen Kinder – Du kannst Dir denken, wie froh ich war, meine erste Aussteuer war vollständig verbraucht, nur Deine Jäckchen werden wohl noch mehr Urenkelchen nützen, die sind unverwüstlich.

Nun für heute genug, ich will noch ein paar Bildchen heraussuchen ….

                       

Viele tausend  herzliche Grüße  !

                                                           In treuem Gedenken und Dankbarkeit

                                                                       Allzeit  Deine Enkeltochter  Marion

                                                                        Nebst 4 Urenkeln  


Altes Missionshaus in Lupembe




1937

Marion fährt mit vier kleinen Kindern zurück nach Deutschland.
Georg muss aus dienstlichen Gründen noch in L u p e m b e bleiben.



Hier ein Foto von der Bahnstation in Dodoma, von hier aus ging es zum Hafen
und mit dem Schiff nach Venedig.
Sie erwartet ihr fünftes Kind, so war die Überfahrt auf dem Schiff mit den
lebhaften Kindern für sie sehr aufregend.
In Venedig wurde sie von ihrem Vater, Prof. Wilhelm Bock, abgeholt.
Dabei erfuhr sie vom Tod ihrer geliebten Großmutter.