100. Geburtstag - 03.04.2006



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Königin der Nacht


Duft- und farblos scheint sie Jahr um Jahr
auf der Fensterbank zu vegetieren,
während ihre Schwestern - welche Schar! -
prangend in den Gärten triumphieren.

Schlangenförmig windet sich ihr Leib,
harte Stacheln sind mit Gift geladen,
nicht bereit zu losem Zeitvertreib
bringt sie plumpen Händen feindlich Schaden.

So, im dunklen Amazonenkleid,
lässt sie viele Sommer still verglühen.
Ahnt sie wohl: Es kommt auch ihre Zeit?
Träumt sie schon von Farbe, Duft und Blühen?

Noch der Knospe warzengleiche Nuss
möchte ihr Geheimnis still bewahren,
trotzt der Sonne heißem Liebeskuss;
nur der sanfte Freier soll's erfahren.

Abends endlich steigt der Mond empor,
und nun kann die Spröde nichts mehr retten:
zögernd taucht aus zierlichen Manschetten
sternengleiches Angesicht hervor.

Weithin leuchtend lädt sie jetzt zum Tanz.
Wie die Käfer, wie die Falter eilen!
Denn die Königin kennt kein Verweilen:
Eh der Mond bleicht, welkt ihr Strahlenkranz.

Soviel Anmut, soviel stolze Pracht,
soviel hoheitsvolles zartes Neigen,
soviel Sagen und soviel Verschweigen
aufgespart für eine Liebesnacht!

Marion Sehmsdorf 1966