100. Geburtstag - 03.04.2006



Startseite

Lebenslauf

Stationen   
meines Lebens


Meine Eltern

Gedichte

Bibliographie

Weiteres





 

Erinnerungen von Mechthild Heinke-Sehmsdorf


Erinnerung an eine Kindheit im Krieg und Kriegsende 1945


In den Jahren von 1940 -1943 wohnte unsere Familie in Berlin- Lichterfelde.
Unsere Eltern waren in den Jahren zuvor als Missionare der Berliner Mission im heutigen
Tansania, damals englische Kolonie, tätig..
Sie wurden, wie alle deutschen Familien, nach Ausbruch des Krieges September 1939, von der englischen Mandatsregierung aus Ostafrika ausgewiesen.
Mit 6 kleinen Kindern, das siebente kam 1941 dazu, war das Leben in der vornehmen,
Berliner Stadtwohnung besonders für unsere Mutter nicht leicht - hinzu kamen die ersten
Bombenangriffe auf Berlin, die an den Nerven zehrten.
Sie rissen mit ihrem fürchterlichen, lauten Sirenengeheul uns Kinder aus dem ersten Schlaf - und im schreckhaften Schnell-Lauf zum Luftschutzkeller.- Noch heute - nach 64 Jahren - beginnt mein Herz zu rasen, wenn, wegen eines Feueralarms, plötzlich die Sirenen heulen -
Nach dem zweimal unsere Wohnungen in Berlin durch Luftminen und Bränden zerstört wurden, zogen unsere Eltern 1943 nach Soldin / Neumark, wo das Pfarrhaus neben der schönen großen Backsteinkirche leer stand.
Soldin - eine kleine,märkische Stadt mit einem großen See - gehört heute zu Polen.
In meiner Erinnerung aber leuchten die beiden Sommer 1943 / 44 - denn, nach Bombennächten und ständigem Ortswechsel war es eine heile Kinderwelt.
Der herrliche See - zu dem man barfuß laufen konnte - die Felder mit rotem Mohn-und blauen Kornblumen - die Störche - und die schweren Gewitter.
Das Donnergrollen aber wurde bald abgelöst vom fernen Donner des Krieges - der uns dann mit dem Einmarsch der Russen am 31.Januar 1945 erreichte.
Es begann die Zeit des Ausgeliefertsein an die fremden Mächte - aber letztlich eine Zeit der besonderen Bewahrungen.
Unser Vater, der seit einem halben Jahr Pfarrer in Elbing (Ostpr.) war, erreichte uns nach einem langen Fußmarsch am 9.Februar in Soldin und wurde am 14.Februar von den Russen als Zivilgefangener abgeholt.Er kam in Russland bis weit hinter den Ural.
Unser Pfarrhaus wurde Zuflucht für viele Flüchtlinge, besonders für Frauen und junge Mädchen.
Die jungen Mädchen konnten sich verstecken auf einem Teil des Oberbodens, zu dem keine Treppe führte.
Da es immer hieß, dass die Russen kinderlieb seien, erhofften sich viele der Frauen, die in unserer Wohnstube versammelt waren, Schonung, wenn sie ein Kind neben sich hatten.
So verteilte unsere Mutter ihre acht Kinder an fremde Frauen - und- obwohl wir das einsahen -denke ich daran noch mit Grauen zurück - vielleicht, weil ich die Dame, der ich zugeteilt war vorher schon als so egoistisch erlebt habe.
Ein junges Mädchen, Bärbel W., damals 19 Jahre alt und Tochter unseres Nachbarn, hatte unseren jüngsten Bruder Gottfried - grade ein Jahr alt -auf dem Schoß, als 3 junge Russen in unsere Wohnstube stürmten.
Sie fuchtelten wild entschlossen mit ihrem Gewehr vor unsere Gesichter - und gingen dabei um den großen Esstisch herum um den wir ja alle versammelt waren.
Plötzlich entdeckten sie Bärbel - schoben ihr Kopftuch mit dem Gewehr zur Seite und sagten fordernd : "Frau, komm "!!-
Als Bärbel zögerte, wurden sie ärgerlich - und dann- voller Zorn und Ungeduld drohten sie,sie zu erschießen.
So stand Bärbel - unseren kleinen Bruder an sich gedrückt - an der unteren Tischseite während die Russen auf der anderen Seite ihre Gewehre in Stellung brachten.-
Es herrschte eine angstvolle Stille. Da ging Bärbels Mutter an ihre Seite und schloß die Arme um sie - und ich - ich stand neben unserer Mutter und flüsterte entsetzt :
"Mutti- der Gottfried!! "Bleib ruhig "war ihre leise Antwort.
Waren das Stunden? - Waren das Minuten? Ich weiß es nicht - aber noch heute sehe ich Bärbel dort stehen und erschauere noch bei dem Gedanken an das Geräusch, das die Russen machten, als sie ihre Gewehre aufnahmen und wütend den Raum verließen.
Vieles - sehr vieles wäre noch aus dieser Zeit zu berichten - neben vielem Bestürzendem auch manch gutes Erleben mit unseren "Feinden "damals.
Eines Tages - wohl im März des Jahres 45, mussten wir Hals über Kopf das Pfarrhaus verlassen - es wurde als Quartier für die russsischen Offiziere gebraucht.
Eine kleine Zwei-Zimmer-Wohnung in einem Hinterhaus wurde unser Zuhause.
Ich weiß nicht, w i e unserer Mutter das gefunden hat -aber eines weiß ich ganz genau :
Dass unsere Mutter in all der Zerstörtheit - Unordnung und Gesetzlosigkeit dieser Zeit mit uns immer eine Morgenandacht - und eine Abendandacht gehalten hat - mit viel Liedern,mit
Bibellese und Gebet -, wie wir es von klein an gewöhnt waren.
Sie hat uns damit den wichtigen, seelischen Halt und die Geborgenheit gegeben, die nur durch den Glauben erfahren und gedeihen kann.
In den Tagen vor dem Pfingstfest damals hat sie mit uns das Pfingstlied von Paul Gerhardt:
"Zeuch ein zu deinen Toren .gesungen. Es hat uns getröstet und als Gebetsanliegen begleitet - und es ist für uns Geschwister bis heute das "Lied "geblieben - wir können alle
Strophen auswendig - und mit einem Herzen voller Dankbarkeit haben wir es auch gesungen zur Beerdigung unserer Mutter vor fast 5 Jahren.,
Bis an unser Lebensende wird es für uns wohl kein Pfingstfest geben ohne dieses Lied mit all den Erinnerungen :

Zeuch ein zu deinen Toren, sei meines Herzens Gast,
der du, da ich geboren, mich neu geboren hast
O hoch geliebter Geist, des Vaters und des Sohnes
Mit beiden gleichen Thrones, mit beiden gleich gepreist.

Du bist ein Geist der Liebe - ein Freund der Freundlichkeit
Willst nicht, dass uns betrübe, Zorn, Zank,Haß,Neid und Streit
Der Feindschaft bist du Feind - willst, dass durch Liebesflammen
Sich wieder tun zusammen, die voller Zwietracht sein.

Du, Herr, hast selbst in Händen, die ganze weite Welt
Kannst Menschenherzen wenden, wie dir es wohl gefällt
So gib doch deine Gnad - zu Fried- und Liebesbanden
Verknüpf in allen Landen, was sich getrennet hat.

Richt unser ganzes Leben allzeit nach deinem Sinn
Und, wenn wir`s sollen geben ins Todes Rachen hin,
wenn`s hier mit uns wird aus - so hilf uns fröhlich sterben
und nach dem Tod ererben, des ew`gen Lebens Haus.
(Evang. Gesangbuch Nr. 133 )

P.S. Unser Vater kam im Dezember 1945 aus Russland zurück.