100. Geburtstag - 03.04.2006



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Das Zauberwort


Meiner Mutter zu ihrerm 90. Geburtstag aus ihren Kindheitserinnerungen "Monika",
in Reime gepreßt von ihrem Sohn Eckhardt.

Wir feiern heute ein hohes Fest
in Ehrfurcht, Dank und Staunen,
daß Gott dich dies erleben läßt,
auf neunzig Jahre schauen!
Dies prallvolle, lange, erfüllte Leben
schien nicht in deine Wiege gegeben
Von Scylla und Charybdis bedroht,
in Feuers- und in Wassersnot,
mit Kreuzspinnen und Fräulein Säuberlich,
der Sensenmann um das Kinderbett strich,
und die Träume, die wie Bleiketten sind ...
Wer sagt das Zauberwort dem Kind?
Und sind doch in ihrem Käfig gefangen,
die Menschen, die von ihr Freiheit verlangen...
Das Zauberwort! Sie findet das Zauberwort nicht,
den Schlüssel, der die Gitter aufbricht.
Diese gläserne Glocke Einsamkeit
auch mit Vater und Mutter und Schwester zu zweit
und mitten in aller Fröhlichkeit...
Diese Ängste, dies Grauen und dieses Warum.
Und die griechischen Götter stehen stumm,
Artemis und Athee thronen,
hoch oben, wo nicht kleine Mädchen wohnen.
Nietzsche blickt streng und Kant ruft zur Pflicht,
die Kinderängste trösten sie nicht.
Und nicht einmal Großmutters Fürsorglichkeit
durchbricht diesen Schleier von Traurigkeit.

Doch dann - dann ist plötzlich gekommen -
das Zauberwort! in dem alten und frommen
ein bisschen einfältigen Kirchenlied,
die Gemeinde singt es mit Gemüt,
dies: "Harre meine Seele, harre des Herrn,
alles im befehle, hilft er doch so gern.
Sei unverzagt, bald der Morgen tagt...
In allen Stürmen, in aller Not
wird er dich beschirmen, der true Gott...
Wenn alles bricht, Gott verläßt uns nicht.
Größer als der Helfer ist die Not ja nicht!

Ein so kleines Mädchen und so groß die Not -
da tröstet nur der große Gott,
der tief herab sich beugt zu Kleinen,
und hebt die Angst auf und das Weinen,
und: "Laß dir an meiner Gnade genügen"!
Und diese Zauberworte besiegen
Ihre Seelenängste und Einsamkeit
und machen sie mutig und zum Leben bereit.
Dem Netze des Vogelfängers entronnen,
entdeckt sie den Reim und seine Wonnen.
Ihre Augen sind nun offen,
verstehen, lieben, leiden, hoffen...
Als Schiller Wilhelm Tell sie begeistert,
sucht sie, daß sie selber die Sprache meistert:
Der "Christbrunnen" wird ihr erstes Stück.
Das Zauberwort trifft und kehrt zurück.
( Auf Hindenburg macht sie ein Siegesgedicht,
das der "Anzeiger von Königsberg" bespricht)
Die "Lilofee" und Gedichte und Lieder
und immer klingt in diesen wieder
das Zauberwort, das den Käfig auftut
für neues Harren und Schaffen und Mut.
Dies "Harren" läßt wachsen Beharrlichkeit.
Männer werden müde und matt im Streit,
Jünglinge straucheln und fallen...
Die aber harren, kriegen neue Kraft,
daß sie auffliegen, wie ein Adler es schafft,
sie sind die Stärksten von allen.

Ohne dies "kleine Kräutlein Geduld"
stürzen Menschen einander in Leid und Schuld.
Zum Beispiel so in Liebesdingen
kann mans nicht brechen und nicht erzwingen.
Es hilft nicht, an den Ästen rütteln,
um reife Früchte abzuschütteln...
Dies Vertrauen, dies Harren, dies Wurzeltreiben,
dies geduldig im Banne des Zauberwortes bleiben
hat dir die Angst und das Sehnen gestillt
und dir dies lange Leben erfüllt.
So hast du auch Kindern und Enkeln gesungen
und uns hat es in den Ohren geklungen.
Wir danken dir heut für dies Zauberwort,
wir wollen es hüten fort und fort.
Wir singen es mit dir und singen es gern
dieses "Ich will singen von der Gnade des Herrn."

Eckhardt Sehmsdorf - Schönburg, den 06.04.1996